Warum Streit oft dort entsteht, wo Unternehmen organisatorisch unscharf werden
Es gibt Unternehmen, in denen plötzlich alles schwerfälliger wird.
Entscheidungen dauern länger als früher. Meetings hinterlassen mehr Verwirrung als Klarheit. Aus Abstimmung wird Dauerschleife, aus kleinen Diskussionen entstehen Grundsatzdebatten und irgendwann geraten Menschen aneinander, die jahrelang problemlos zusammengearbeitet haben.
Spätestens dann beginnt meist die Suche nach dem „zwischenmenschlichen Problem“. Die beiden müssten mal offen reden. Die Zusammenarbeit verbessern. Sich besser abstimmen. Klingt vernünftig. Ist aber oft falsch. Denn viele Konflikte entstehen nicht deshalb, weil Menschen schwierig sind.
- Sondern weil Unternehmen begonnen haben, organisatorisch unscharf zu werden.
Wenn aus Verantwortung plötzlich „gemeinsame Abstimmung“ wird
Ein Unternehmen holte einmal eine Mediation zwischen zwei Abteilungsleitern ins Haus.
Offiziell ging es um mangelnde Abstimmung. Beide widersprachen sich regelmäßig in Meetings, Entscheidungen zogen sich und Projekte stockten. Für die Geschäftsführung war die Sache relativ klar:
- Die Zusammenarbeit funktioniert nicht.
Die eigentliche Geschichte begann allerdings deutlich früher.
Ursprünglich war nur eine Führungsposition vorgesehen. Person A bekam die Stelle. Zwei Monate später stellte die Geschäftsführung zusätzlich den zweitplatzierten Kandidaten des Auswahlverfahrens ein.
Eine Stelle, zwei Kapitäne
Die Abteilung sei inzwischen stark genug für zwei Führungskräfte, hieß es. Was zunächst nach Wachstum klingt, entwickelte schnell eine eigene Dynamik.
Denn plötzlich gab es zwei Abteilungsleiter — aber keine klare Antwort mehr auf die entscheidende Frage: Wer ist wofür zuständing? Wer entscheidet eigentlich was?
Die Illusion der gemeinsamen Abstimmung
Statt Klarheit entstand „gemeinsame Abstimmung“.
Das klingt in Unternehmen erstmal modern und kooperativ. In der Praxis bedeutet es häufig etwas anderes: mehr Meetings, Abstimmungsgespräche, längere Diskussionen und Entscheidungen, die wie herrenlose Koffer zwischen Outlook-Kalendern kreisen.
Niemand wollte offen Machtkämpfe führen. Also entstanden sie indirekt.
- Über Zuständigkeiten.
- Über Informationen.
- Über Prioritäten.
Person A formulierte es später bemerkenswert präzise: „Ich hatte plötzlich nur noch eine halbe Abteilung.“
Und genau dort lag der eigentliche Konflikt. Nicht in der Kommunikation. Sondern in einer Führungsentscheidung, die organisatorisch nie sauber zu Ende gedacht wurde.
Konflikte sind oft Symptome organisatorischer Unschärfe
Das Interessante an Konflikten ist: Sie zeigen häufig früher als jede Analyse, dass etwas im Unternehmen nicht mehr sauber funktioniert.
- Nicht im Organigramm.
- Nicht in Strategiepapiere.
- Und selten in PowerPoint-Präsentationen.
Sondern dort, wo plötzlich Reibung entsteht.
- Zwischen Teams.
- Zwischen Führungskräften.
- Zwischen alten und neuen Erwartungen.
Konflikte funktionieren deshalb oft wie Schmerzen im Körper.
Unangenehm, ja.
Aber erstaunlich präzise.
Sie zeigen:
- wo Verantwortung verschwimmt
- wo Entscheidungen fehlen
- wo Prozesse nicht mehr tragen
- oder wo Führung versucht, fehlende Klarheit durch Harmonie zu ersetzen.
Im Fall der beiden Abteilungsleiter begann genau dort die eigentliche Dynamik.
Es gab vorab keine gemeinsame Klärung darüber, wer künftig welche Aufgaben verantwortet, wie Entscheidungen getroffen werden oder wie die Zusammenarbeit überhaupt funktionieren soll. Die Organisation hoffte gewissermaßen darauf, dass zwei Menschen strukturelle Unklarheit durch gute Zusammenarbeit ausgleichen würden.
Welche typischen Ursachen hinter Konflikten im Unternehmen stehen, lesen Sie auch im Beitrag „Ursachen von Konflikten im Unternehmen“.
Das funktioniert selten lange. Denn wo Verantwortung unklar bleibt, entsteht früher oder später Frust. Und mit wachsendem Frust sinkt meistens auch die Bereitschaft zur Kooperation.
Hinzu kam ein zweites Problem: Auch die übrigen Abteilungen wussten irgendwann nicht mehr, an wen sie sich eigentlich wenden sollten.
- Wer entscheidet was?
- Wer trägt die Verantwortung?
- Und wessen Aussage gilt am Ende?
Genau dadurch verschärfte sich der Konflikt zusätzlich. Aus organisatorischer Unklarheit entstand zunehmend der Eindruck, die beiden Führungskräfte seien „schwierig“, würden sich gegenseitig blockieren oder seien nicht in der Lage, ihren Job sauber auszufüllen.
Tatsächlich reagierten beide jedoch auf ein System, das selbst keine klare Orientierung mehr vorgab.
Und genau deshalb wirken viele Konflikte auf den ersten Blick persönlich, obwohl ihre Ursache strukturell ist.
Warum Konflikte häufig trotz Gesprächen bestehen bleiben, lesen Sie im Beitrag „Warum Konflikte im Unternehmen nicht gelöst werden“.
Besonders sichtbar wird das in Veränderungsprozessen
Kaum etwas macht organisatorische Schwächen schneller sichtbar als Veränderung.
- Neue Führungskräfte.
- Wachstum.
- Umstrukturierungen.
- Digitalisierung.
Plötzlich funktionieren Regeln nicht mehr, die jahrelang getragen haben. Verantwortung verschiebt sich, Entscheidungswege werden unscharf und irgendwo zwischen „Das machen wir jetzt anders“ und „Wer entscheidet das jetzt eigentlich?“ beginnen Spannungen zu entstehen.
Von außen wirkt das häufig wie Widerstand.
Tatsächlich verliert die Organisation in solchen Phasen oft schlicht ihre Kontur.
Und Konflikte übernehmen gewissermaßen die Kommunikation darüber.
Warum viele Unternehmen Konflikte falsch behandeln
Viele Unternehmen reagieren auf Konflikte wie auf einen Wasserschaden im Altbau: Man streicht möglichst schnell darüber, damit es erstmal wieder ordentlich aussieht.
Das Problem sitzt allerdings oft längst hinter der Wand.
Deshalb bleiben viele Konfliktlösungen erstaunlich kurzlebig. Es wird moderiert, gesprochen und vereinbart — während die eigentliche Ursache unangetastet bleibt.
Die Organisation produziert also weiter genau jene Bedingungen, unter denen der nächste Konflikt beinahe zwangsläufig entsteht.
- Dann bearbeitet man irgendwann nicht mehr Ursachen, sondern nur noch Symptome.
Warum klassische Konfliktlösungen oft nur Symptome bearbeiten, lesen Sie im Beitrag „Warum klassische Lösungen scheitern“
Fazit: Konflikte zeigen oft präziser als jede Analyse, wo ein Unternehmen unscharf geworden ist
Konflikte sind selten einfach nur „schwierige Menschen“.
Häufig zeigen sie ziemlich präzise:
- wo Verantwortung unklar geworden ist
- wo Entscheidungen fehlen
- wo Führung ausweicht
- oder wo Strukturen nicht mehr zur Realität des Unternehmens passen.
Der Streit ist dann nicht das eigentliche Problem.
- Er ist lediglich die sichtbare Stelle davon.
Vielleicht liegt genau darin der größte Denkfehler vieler Unternehmen: Sie betrachten Konflikte als Störung des Systems. Dabei zeigen Konflikte häufig die Störung im System.
Weiterführende Beiträge zum Thema Konfliktmanagement
Dieser Beitrag ist Teil unseres Themenclusters „Konfliktmanagement im Unternehmen“
Dort finden Sie weitere Beiträge zu:
- Konfliktursachen
- Konfliktdynamiken
- Konfliktklärung
- Führung
- Konfliktkosten
- und systemischer Konfliktanalyse.
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