Verschenktes Wissen kostet Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen viel Geld. Dies gilt insbesondere für sogenannte „ältere“ Mitarbeiter. Von ihnen gibt es immer mehr in Deutschland. Doch ihr Potenzial wird nicht ausgeschöpft. Im Gegenteil. Häufig sind sie Diskriminierungen ausgesetzt. Firmen und Behörden verschleißen ihre langjährigen Mitarbeiter durch Ausgrenzung und Demotivation. Von einem signifikanten Wechsel in der Personalpolitik ist einigen Unternehmen nichts zu spüren.

Grotesker Widerspruch

Kommt Politik mit ins Spiel, wird die Zeit bis zum Renteneintritt oft zum Spießrutenlauf. Einer Studie der Commerzbank zufolge fordern fast 80 Prozent der befragten Unternehmen einen Abschied vom Jugendkult sowie eine größere Bereitschaft zur Arbeit bis ins höhere Alter. Doch 85 Prozent dieser Firmen reagieren auf Mitarbeitermangel mit Weiterbildung von jungen Menschen; ältere ausgeschlossen.

Wissenstransfer ist kein Thema

„Ich kann das Wort „retirement“ nicht mehr hören“. Monika S. arbeitet seit rund 30 Jahren in leitender Position im Unternehmen. Das ehemalige Familienunternehmen wurde vor rund 5 Jahren an eine finnische Gruppe verkauft. Nachdem der letzte Geschäftsführer in den Burn-Out ging, führte die Prokuristin das Unternehmen. In fließendem Englisch leitete sie Konferenzen und berichtete direkt an den Vorstand der Unternehmensgruppe.

Vor etwa einem halben Jahr wurde Monika S. nicht mehr in Teammeetings der Unternehmensgruppe einbezogen. Dafür wurde der von Monika S. frisch eingestellte Produktionsleiter zu den Meetings gebeten. Auf ihre Frage, warum dies so sei, bekam Monika S. die lapidare Antwort: „You are about to retire“ – Sie stehen kurz vor Ihrer Rente.

Und raus bist du

Monika S. hat noch 5 Jahre bis zum Renteneintrittsalter. Sie ist engagiert, loyal und besitzt wertvolles Wissen. Aber: niemand scheint Interesse an Ihrem Erfahrungswissen zu haben. Auch redet niemand offen mit ihr über die Situation. Es sind die emotionalen Seitenhiebe, die verdeckten Aktionen, die ihr zusetzten: Das Gefühl, am Ende des Arbeitslebens wertlos zu sein. Gering gewertschätzt. Die Tatsache, dass vertraglich zugesagte Prämien nicht gezahlt werden. Das Wissen, das sie wichtige Informationen nicht bekommt. „Retirement“ eben. Ärgerlich wird sie, wenn sie daran denkt, wie gedankenlos mit Ressourcen im Unternehmen umgegangen wird. Traurig findet sie, dass sie später vermutlich mit Groll auf ihre letzten Arbeitsjahre zurückblicken muss. Häufig geht es um Befindlichkeiten.

Häufig geht es um Befindlichkeiten

Eine Verwaltungsmitarbeiterin, die aus Angst vor Konsequenzen absolut anonym bleiben möchte, erzählt mir: „Mein Chef bat mich in sein Büro und fragte, wie ich mir die Zeit bis zu meiner Rente vorstelle. Für ihn komme eine Beschäftigung bis zum offiziellen Renteneintrittsalter eher nicht in Frage. Die Verwaltung müsse Kosten sparen, dies sei auch ein politischer Aspekt der Kommunalpolitik. Ich werfe jetzt eine Zahl in den Raum und sie denken darüber nach, ob sie dieses Angebot annehmen wollen. Für den Fall, dass sie unser Angebot ablehnen, zeige ich Ihnen im Anschluss ihr neues Büro im Keller, gleich neben der Poststelle.“ Bei dem Raum handelt es sich um die 3 Quadratmeter große Abstellkammer, erklärt die Mitarbeiterin aufgebracht.

Unprofessionell geführter Altersstieg

Klaus F. arbeitet seit rund 18 Jahren als Projektleiter in einer Dienstleistungsagentur. Projekte, die Klaus F. betreut, funktionieren. Jeder Meilenstein sitzt. Kollegen, Lieferanten und Kunden schätzen ihn als zuverlässigen Ansprechpartner und außergewöhnlichem Überblick. Besonders in kniffligen Projekten und Projektaufträgen mit besonderer politischer Tragweite kann man sich auf seine Erfahrung und seine Kompetenzen verlassen. Seine Expertise ist bundesweit bei Experten gefragt. Aber: Die Beziehungsebene zwischen Klaus F. und seinem direkten Vorgesetzten ist gestört. Eine Klärung scheint in einem Klima der kalten Konfliktkultur der Dienstleistungsagentur unmöglich.

Bis gestern war es für Klaus F. nur ein Gefühl, jetzt weiß er es aus einem Vier-Augen-Gespräch: In den Ruhestand, so schnell wie möglich, gern mit einer Abfindung inklusive Freistellung. Einarbeitung neuer Mitarbeiter? Projekte beenden? Knowhow-Transfer? „Nicht nötig, Herr F., der neue Mitarbeiter bringt alles mit, was es braucht, um ihre Projekte fortzuführen.“ Kunden und Kollegen sehen das anders. „Es gibt noch so viel, was nicht dokumentiert ist und was in schwierigen Projekten nur durch die persönliche Beziehung funktioniert. Wir bedauern die ganze Sache sehr. Aber die Fronten scheinen verhärtet. Da geht es nicht mehr um die Sachebene“, bedauert kopfschüttelnd eine Kollegin von Klaus F..

WIGO zeigt: es geht auch anders


Fragt man Matthias Gomoluch, wie er seine älteren Mitarbeiter motiviert, lautet seine spontane Antwort: wir haben die besten Erfahrungen mit Patenmodellen gemacht. Der erfolgreiche Zelte-Hersteller aus Hessisch-Lichtenau weiß Erfahrungswissen zu schätzen. Sondergefertigte Produkte und Kleinstserien werden zu 80 Prozent noch in Handarbeit gefertigt. Matthias W. arbeitet seit 25 Jahren im Unternehmen und hat den Zuschnitt von der Pike auf gelernt. Als Pate gibt er sein Wissen an Berufseinsteiger weiter.

Integrative Familienunternehmen

Familienunternehmen und inhabergeführten Unternehmen gelingt es in der Praxis eher, Generationenkonflikte und emotionale Befindlichkeiten zu bewältigen. Langjährige Bindung und Zugehörigkeit waren auch in Zeiten von Jungendkult, scheinbarer Austauschbarkeit von Personal sowie besseren Löhnen von Beamten und Konzernmitarbeitern erfolgsentscheidend. Engere Beziehungen, auch die Bereitschaft in einen konstruktiven Konflikt zu gehen und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten.

Aus diesem Grund ist es zu empfehlen, innerhalb von Organisationen, wenn sie funktionieren sollen, Emotionen durch Korrektheit zu ersetzen.

Fredmund Malik | Gefährliche Managementwörter und warum man sie vermeiden sollte | Campus Verlag 2007| Seite 30