In Balance bleiben

Nach einem anstrengenden Arbeitstag fühle ich mich abends ausgelaugt, bin leicht reizbar und dünnhäutig. Während meiner Fahrtzeit vom Unternehmen nach Hause versuche ich, runterzukommen. Leider gelingt mir das nicht immer.“ Mein Gesprächspartner ist Führungskraft in einem produzierenden Unternehmen. „Häufig habe ich gar keine Lust mehr, mit Menschen zu reden. Das schließt auch meine Familie mit ein. Es erschöpft mich. Das kenne ich gar nicht von mir und manchmal macht mit das Angst“, erzählt der 42 jährige Michael K* aus Kassel.

Michael K. leidet an Selbsterschöpfung. Er ist kein Einzelfall. Immer häufiger leiden Menschen an den Symptomen mentaler Selbsterschöpfung.

Warnsignale: Symptome mentaler Selbsterschöpfung

Gereiztheit, unkontrollierte emotionale Ausbrüche, unangemessene Reaktionen im Umgang mit anderen Menschen wie Ungeduld, Zorn, Wutausbrüche oder ein enthemmter Fahrstil können Zeichen mentaler Erschöpfung sein.

Selbsterschöpfung macht impulsiv und entscheidungsschwach

Aber auch die Entscheidungsfindung leidet bei mental erschöpften Menschen. So erzählte mir Matthias G.* beim letzten Unternehmertreff,  dass er nach anstrengenden Vormittagen nachmittags keine Kraft mehr habe, Probleme gründlich zu durchdenken. Vieles passiere dann aus dem Bauch heraus und dies führe häufig zu teuren Fehlentscheidungen.

Arbeitsbelastung führt zu Selbsterschöpfung

Selbsterschöpfung entsteht als Folge hoher Belastungen durch zunehmende Aufgabenkomplexität sowie Zeit-und Leistungsdruck und dies oft in Kombination mit  häufigen Arbeitsunterbrechungen und Störungen.

Wie Selbsterschöpfung entsteht

Um zu verstehen, wie Selbsterschöpfung entsteht, müssen wir begreifen wie unser Gehirn funktioniert. Um zu erklären, welche Mechanismen zu Selbsterschöpfung führen, werde ich die Funktionsweise unserer wunderbaren komplexen Denkmaschine vereinfachen. Der eine Bereich ist unser Arbeitsgehirn, der andere Bereich ist das  Erfahrungsgedächtnis.

Das Arbeitsgedächtnis

Unser Erfahrungsgedächtnis speichert alle Informationen, die wir uns durch Lernen und Erfahren angeeignet haben wie beispielsweise Radfahren, was beim Zahnarzt passiert, wie eine simple Rechenaufgabe gelöst werden oder wie die Arbeitsprozesse in unserem Unternehmen funktionieren. Unser Erfahrungsgedächtnis ist für die Erledigung von Routineaufgaben und das Abrufen von Erfahrungswissen zuständig. Es arbeitet routiniert schnell und bietet für einfache Fragestellungen rasch Lösungsvorschläge an.

Unser Arbeitsgedächtnis nimmt seine Arbeit dann auf, wenn das Erfahrungsgedächtnis überfordert ist, wenn Erfahrungswerte fehlen oder Routinen nicht greifen. Es ist zuständig für die Erledigung komplizierter Fragestellungen, bringt komplexe Sachverhalte in Zusammenhang, führt mühevolle Berechnungen durch und bereitet sorgfältige und präzise Problemlösungen vor. In seiner Funktionsweise ist es gründlich, selbstkontrolliert und selbstdiszipliniert.

Selbstkontrolle und Disziplin erschöpft

Die Kapazitäten des Arbeitsgedächtnisses sind jedoch begrenzt. Für die Erledigung schwieriger Aufgaben brauchen wir Menschen ein hohes Maß an Selbstkontrolle und Disziplin, um bei der Sache zu bleiben. Die Energie unseres Arbeitsgehirns  ist eine Ressource, die sich erschöpft und nicht unbegrenzt verfügbar ist.

Die Funktionsweise unseres Arbeitsgehirns – Die Muskelanalogie

Stellen Sie sich unser Arbeitsgehirn als ein Muskel vor:  Jedes Mal, wenn wir Energie für die Erledigung einer schwierigen Aufgabe aufbringen, geht so lange ein  Muskelkraft verloren, bis unsere Energie vollkommen verbraucht ist. An diesem Punkt setzt die Selbsterschöpfung ein.

Das mentale Trainingslager

Für Michael K. und Matthias G. gibt es gute Nachrichten! Bleiben wir bei der Muskel-Analogie: Nach einer angemessenen Erholungsphase arbeitet der Muskel wieder schmerzfrei und seine Leistungsfähigkeit wird durch regelmäßiges Training kontinuierlich gesteigert.

Wege aus der Selbsterschöpfung:

Sie wissen jetzt, warum Sie nach anstrengenden Tagen impulsiver, mürrischer und unberechenbarer sind. Nutzen Sie ihr Wissen und arbeiten Sie kontinuierlich an Ihrer Balance:

  1. Freuen Sie sich über ehrliches Feedback zu Ihrer mentalen Balance von Kollegen, Freunden oder Familie. Falls Sie sich wieder einmal wie eine Diva aufführen, klinken Sie sich aus und sorgen Sie für geistigen und körperlichen Ausgleich: Gehen Sie spazieren, streicheln Sie den Hund oder Kick-Boxen Sie. Egal was Sie tun, es sollte Ihnen Spaß machen.
  2. Planen Sie Ihren Arbeitstag. Eine gute Unterstützung ist die Tätigkeitserfassung. Sie hilft ihnen, Zeitfresser und Störzeiten zu erkennen und Arbeitsblöcke zu planen.
  3. Erledigen Sie Aufgaben, die viel Disziplin, Selbstkontrolle und Konzentration erfordern, zuerst.
  4. Arbeiten Sie in einem Unternehmen, wo die „offene Tür“ zur Unternehmenskultur gehört? Dann sollten Sie die Tür einfach einmal schließen, um konzentrierte Arbeit erledigen zu können.
  5. Lassen Sie am Abend das Fernsehen aus, schalten Sie das Handy ab und legen Sie Ihr Tablet zur Seite.
  6. Machen Sie Sport, Bewegung schenkt Energie für den Tag. Aber bitte: moderat. Besonders an die Herren gewandt: es geht nicht um Leistung, sondern um Entspannung. Sehen Sie beim Laufen nicht ständig auf die Uhr und lassen Sie beim Radfahren den Tacho zu Hause.
  7. Schlafen Sie ausreichend. Nichts hilft besser, um den Energietank wieder aufzufüllen. Sie schlafen übrigens tiefer und erholsamer, wenn Sie vor dem zu Bett gehen auf Fernsehen verzichten.

 


 

* )  Name und Anschrift sind der Autorin bekannt.

Über die Autorin: Anne Alsfasser, Diplom-Ökonomin, Burn-Out-Coach, Kommunikationspsychologin, Wirtschaftsmediatorin, Systemdesignerin,  selbstständige Unternehmensberaterin aus Korbach, Nordhessen.

Über die Fotografin: Sabine Fladung-Wagener, Hotelmanagerin, Hobbyfotografin aus Leidenschaft. Wohnt in Waldeck, Nordhessen. Ihre Motive findet Sabine Fladung-Wagener am Edersee sowie im Naturpark Kellerwald-Edersee.

Über das Projekt: In Balance bleiben ist Ansichts-Karte 4 der monatlich erscheinenden Bilderserie Ansichts-Sachen rund um die Themen Unternehmen, Organisation, Führung, Kommunikation und Konfliktfestigkeit. © Anne Alsfasser, © Fotos: Sabine Fladung-Wagener.